Vernissage „Dialog des Stofflichen“, Nadezhda Kashina, Hirofumi Fujiwara, Kunstverein Ladenburg, 6.6.2018

Laudatio zu "Dialog des Stofflichen" von Dr. Maria Lucia Weigel

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe die Freude, Ihnen heute abend die Arbeiten von Nadezhda Kashina und Hirofumi Fujiwara vorzustellen, die die beiden Kunstschaffenden unter dem Titel „Dialog des Stofflichen“ im Ladenburger Kunstverein präsentieren. Beiden künstlerischen Positionen gemeinsam ist eine formale Strenge, die sich auf ganz verschiedenartige Weise im jeweiligen Werk manifestiert. Im Rahmen selbst gestellter künstlerischer Aufgaben, den Rahmenbedingungen also, innerhalb derer die Aufgabe gewählt und zugleich gelöst wird, ist es das intuitive Gespür für die Stimmigkeit der einzelnen Arbeit, das die Kunstschaffenden in ihrem Tun leitet. In jedem Werk stellt sich eine innere Balance ein, die sich dem Betrachter sowohl in der Ausgewogenheit der Komposition als auch in der Ästhetik des Materials mitteilt. Der „Dialog des Stofflichen“ hebt auf eben diese Anmutung ab, die einen sehr geeigneten Einstieg in die ausgestellten Werke bietet.

Nadezhda Kaschina präsentiert ihr Werk unter dem Künstlername AINO, der ihr einen gewissen Abstand zu den eigenen künstlerischen Äußerungen bietet, indem er einzig den schöpferischen Aspekt ihrer Persönlichkeit bezeichnet und alle anderen Anteile ausblendet. Sie erkundet in ihren Arbeiten die Affinität zu orthogonalen Verhältnissen, die auch ihrer intensiven Beschäftigung mit Architektur zugrunde liegt. Es sind aktuelle Werkgruppen, die in der Ausstellung zu sehen sind. Ihnen allen liegt ein konzeptueller Ansatz zugrunde. Dabei sind die Werkprozesse von essentieller Bedeutung. Aus Gedanken entstehen Konzepte, dann die Form. Die Wahl des Materials, das bestimmte Formen als Gestaltungsmöglichkeiten in sich birgt, stellt sich in dieser Phase ein. Das gezeigte Œuvre umkreist das Thema Zeit und Leben – Lebenszeit. Dabei oszilliert das Motivrepertoire zwischen Figuration und Abstraktion. In abstrakte Koordinaten, konzeptuelle Ideen, können figürliche Elemente integriert werden, sie treten dann häufig als Module in Erscheinung. Serielle Aspekte prägen hier das Bild. So widmet sich die Künstlerin in der großformatigen Arbeit „Heads“ mit der Ordnungszahl IV dem Phänomen der Verbreitung von Nachrichten. Hunderte von handgefertigten Tonköpfen, in Weiß gehalten wie der Untergrund, wurden auf einen Bildträger montiert, in der handwerklich bedingten Abweichung ihrer Erscheinung Individualität wahrend und doch in der Vielzahl als Metapher für eine unübersehbare Menge stehend. Aus den geöffneten Mündern einiger in den oberen Partien angebrachter Köpfe quillt schwarze Farbe. Im Verlauf des Arbeitsprozesses ergießt sie sich, den Gesetzen der Schwerkraft gehorchen, in die unteren Bereiche, wobei sie sich in mehr und mehr Farbströme ausdifferenziert und dabei eine immer größere Zahl an Individuen ansteckt, die wiederum ihrerseits Farbe ausspeien, so sieht es die Künstlerin. Nicht nur Nachrichten und Gerüchte verbreiten sich derart, auch Kriege entstehen auf diese Weise.

Die Masse von Menschen, die anderen Gesetzmäßigkeiten folgen als die Angehörigen westlicher Zivilisationen in ihrer ausgeprägten Neigung zu Individualität, wird vielfach zum Thema und zugleich zum Motiv der Arbeiten. Die Beobachtungen, die AINO dahingehend macht, werden in Gestaltungen mit hohem Symbolwert übersetzt.

In der Arbeit „Games“ kommen miniaturisierte Figuren zum Einsatz, die üblicherweise in Modellbau-Architekturen verwendet werden. Dieses Vokabular, das der Künstlerin aus dem Architekturstudium vertraut ist, wird wiederum einer Anonymisierung unterzogen, indem die Figuren in strenger rasterartiger Anordnung auf dem Bildträger platziert und in Wachs eingegossen werden, so daß sie eingebettet sind, aber noch sichtbar bleiben. In die Oberfläche sind Ritzungen eingetragen; sie stellen kleine Kreuze oder Nullen dar, die in scheinbar wahlloser Abfolge nebeneinander gesetzt sind. Der Entstehungsprozeß, dessen Relikt das Kunstwerk darstellt, basierte auf einem Spiel, das der Künstlerin aus Kindertagen bekannt war: In einem rechtwinkligen Raster setzten verschiedene Spieler reihum Kreuze oder Kreise. Vier gleiche Symbole in senkrechter, waagrechter oder diagonaler Abfolge bedeuteten den Punktsieg für den jeweiligen Teilnehmer. Dieser Spielregel widerfährt durch die Applizierung auf Menschen eine neue Deutung, die sich dem Betrachter als Assoziation mitteilt, ohne im Werk explizit formuliert zu sein. Eine höhere Macht, so könnte man denken, wendet in einem kosmischen Spiel Regeln auf die Menschheit an, die für uns Erdenbewohner nicht durchschaubar sind. Ist also das Leben ein Spiel, dessen Regeln wir nicht kennen?

Ironisierend und zugleich die Bedingungen menschlicher Existenz in Frage stellend erweist sich auch eine Arbeit mit dem Titel „Oh, my God, hahaha“. In Wachs eingelassenen und in der unteren Bildhälfte in Reihen angeordneten menschliche Figürchen ist ein kleines geritztes Strichmännchen im Kreis in der rechten oberen Bildecke gegenübergestellt. Ist Gott eine Projektion gleichgeschalteter Massen?

Zurückgenommen auf der symbolischen Ebene zeigen sich Arbeiten aus der Serie „Zeit-Steine“. Hier arbeitet AINO mit Nägeln, die in den Bildträger, mit heller Farbe beschichtetes Pressholz, eingeschlagen sind und geometrisierende Formationen ausbilden. Sichtbar sind lediglich die Nagelköpfe, indem die Wachsschicht bis auf deren Ebene heruntergeschliffen wurde. Das so erscheinende Bildelement steht in einem kompositorischen Gleichgewicht mit Luftblasen, die sich im Aufgießen des Wachses bildeten und nun als diffuse helle Flecken in Erscheinung treten. Auf sie bezieht sich der Serientitel. Hier herrscht der subtile Umgang mit dem Material vor. Dieses läßt sich nicht vollständig unter Kontrolle bringen, man kann es nicht steuern, sondern muß mit ihm arbeiten. Zufälle bringen etwas hervor, das im Material angelegt ist, so sieht es die Künstlerin. Auch in diesen Arbeiten wird das aleatorische Moment eingehegt sowohl durch den Kontrapunkt der geometrischen Formationen als auch durch seine Entfaltung innerhalb des ebenfalls geometrisch angelegten Bildgevierts. Verwandte Arbeiten, in denen Nägel nicht eingeschlagen, sondern mit der Langseite in die Wachsschicht eingesenkt sind, betonen einen graphischen Aspekt, indem sie tektonischer Ordnungssysteme partiell thematisieren, diese jedoch spannungsreich der taktilen, amorphen Masse des Wachses einschreiben.

Hirofumi Fujiwara widmet sich in seinem Schaffen der menschlichen Figur. Er setzt sie als Einzelfigur in Szene und deutet damit auf subtile Weise Möglichkeiten psychischer Gestimmtheit aus. Sein figürliches Personal ist stets Teil von Rauminstallationen von hohem ästhetischen Reiz. Bereits die Figur selbst bietet einen angenehmen Anblick, der ebenso vom wohlproportionierten Körper ausgeht wie von ebenmäßigen Gesichtszügen. „Menschen sind von sich aus schön“, so formuliert es Hirofumi Fujiwara. Die Gestalten sind dabei als Prototypen menschlicher Präsenz anzusehen, ihnen liegen vorwiegend Studien junger Männer zugrunde. Der Künstler beobachtet Menschen im Alltagsgeschehen, es ist ihm wichtig, was um ihn herum passiert, so sagt er. Das, was sich ihm als innerer Nachhall des Gesehenen zeigt, fließt in das Werk ein. Dabei geht er nicht von einem vorgefaßten Konzept aus, gleichwohl entsteht das Werk zunächst im Kopf. Denn nicht nur die körperliche Erscheinung rückt in den Fokus des Künstlers. Diese ist, in den zumeist stehenden, aber auch auf dem Untergrund sitzenden Figuren bewußt neutral gehalten. Vielmehr gilt diese ihm als Ausgangspunkt für Erkundungen menschlichen Seins im Bezug auf Umfeld und Umgebung. Damit ist eine innere Verfaßtheit bezeichnet, die in den räumlichen Installationen thematisiert wird.

Jeder Mensch hat ein Ich-Bewußtsein, das nicht mit Individualitätsbestreben gleichgesetzt werden kann. Gemeint ist eher die empfundene Grenze zwischen dem Selbst und dem Außen. Hirofumi Fujiwara läßt diese sichtbar werden durch Glasscheiben oder Glasstäbe, die in kurzer Distanz vor den und um die Figuren platziert sind. Sie bezeichnen den psychischen Abstand, der jeden von uns zur Person werden läßt. Während des Arbeitsprozesses durchläuft der Künstler selbst unterschiedliche psychische Zustände, seine Gedanken wandern hin zu gesellschaftlichen Geschehnissen, zu Krieg, Politik, aber auch zur eigenen Familie. Die dabei aufkommenden Emotionen speisen das entstehende Werk und geben die Art der Inszenierung vor. Nähe zulassen und doch Abstand wahren, dazu laden die Figuren den Betrachter ein und definieren durch ihre Platzierung und Inszenierung zugleich die Art und Weise, wie sich dieser ihnen gegenüber verhält. Denn wir treten in dem Augenblick in eine Beziehung zu dem figürlichen Gegenüber, in dem wir uns dem Werk betrachtend nähern. In dieser Weise sind Rauminstallationen zu verstehen, in denen die Figur auf einer erhöht angebrachten runden Glasscheibe steht, die wiederum von anderen Glasscheiben umgeben ist, die in unterschiedlichen Höhen aufgesockelt sind. Die Figur steht auf ihrer eigenen Ebene, stellt in sich selbst eine psychische, soziale, gesellschaftliche Entität dar, die unterschieden ist von anderen menschlichen Entitäten.

Diese in Symbole übersetzten Befindlichkeiten und Verortungen prägen das Œuvre von Hirofumi Fujiwara. So gewinnen auch die Facetten einer Persönlichkeit bildliche Gestalt in einer vor einer Büste montierten Glasscheibe, die mit Kunstharz betropft wurde. Die Tropfen brechen den Anblick der auf Frontalität ausgerichteten Gestalt, indem sich der Betrachter vor dem Werk positioniert.

Der Künstler erarbeitet seine Figuren in Kunstharz aus der verlorenen Form, jede ist ein Unikat. Eine Bemalung mit Acrylfarbe tritt hinzu. Während in Europa eher ein nordeuropäisches Erscheinungsbild das Aussehen der Figuren prägt, tragen in Japan entstandene Arbeiten asiatische Gesichtszüge. In Europa hebt der Künstler die helle Haut, die lange Nase und die blaue oder grüne Farbe der Augen als besonderes Merkmal hervor. In der Gestaltung der Haare folgt er nicht immer den natürlich gegebenen Verhältnissen, seine Prototypen können grün oder pinkfarben eingefärbte Kopfhaare tragen, wobei sich die gewählten Pastelltöne jeweils harmonisch in die Gesamterscheinung einfügen. Auch Sockel können zartfarbig gefaßt sein und treten dann in Dialog mit der körperlichen Präsenz der Figur. Die Farbgebung folgt dabei keiner symbolischen Deutung, sie ereignet sich intuitiv.

Die hier ausgestellten Arbeiten tragen allesamt den Titel „Utopian“, gefolgt von einem Zusatz, der auf die Farbe von Haar und Augen anspielt. Es sind Idealfiguren, bildnerische Versuchsanordnungen, nur in ausgewählten Aspekten ins Verhältnis gesetzt zu Natur und der Vielzahl der Aspekte, die Menschen ausmachen. Der Künstler nimmt, um sie stimmig zu inszenieren, auch die konkrete Ausstellungssituation in den Blick. Er baut die Sockel individuell auf den Raum abgestimmt und hat im Fall der hiesigen Ausstellung die im Raum vorhandenen Vitrinen teilweise umbaut, teilweise in seine Installationen einbezogen.

Hirofumi Fujiwara ergänzt sein dreidimensionales Werk in der Schau durch Zeichnungen, die sich in den Vitrinen befinden. Es handelt sich dabei nicht um vorbereitende Skizzen, die im Werkprozess das plastische Arbeiten begleiten. Der Künstler begreift sie vielmehr als eigenständige, in sich schlüssige und vollgültige Kunstwerke. Auch in diesem Fall treten dem Betrachter junge, androgyn gehaltene Gestalten vor Augen, mit Bleistift gezeichnet. Zum Teil sind die Konturen geöffnet, brechen ab und lassen die Gestalt in das Blattweiß übergehen. Andere sind mit Wasserfarben in Grautönen gehöht. In dieser Technik sind gelegentlich Punkte aufgetragen, die wiederum die Grenze der Person zum Außen hin markieren und so das gestalterische wie inhaltliche Repertoire der Plastiken aufnehmen.

Lassen Sie sich ein auf inspirierende Gespräche mit den Künstlern und genießen Sie den Rundgang durch die Ausstellung.